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Wahlprüfsteine zur OB Wahl: Welcher Kandidat hat die besten Lösungen für die Mobilitätswende?

Am 9. Mai 2021 wählt Neumünster einen Oberbürgermeister. Der ökologische Verkehrsclub VCD hat zehn Wahlprüfsteine zum Thema Mobilitätswende entwickelt. Welcher Kandidat will am meisten für die Mobilitätswende in Neumünster erreichen? Sehen Sie selbst!

1. Was sind Ihre wichtigsten Maßnahmen für die Mobiltätswende in Neumünster?

Sven Radestock B90 Die Grünen

Zunächst will ich die wichtigsten und meist auch wenig umstrittenen Maßnahmen so schnell wie möglich umsetzen; dazu gehört es u.a., vorhandene Radfahrwege in einen guten Zustand zu versetzen, Radfahrstationen einzurichten und den Raum für Fußgänger*innen attraktiver und teilweise auch sicherer zu gestalten. Gleichzeitig bleibt der Abgleich, ob das Bus-Angebot der SWN den Bedürfnissen der Menschen in Neumünster entspricht, eine Daueraufgabe. Dies ist allerdings in Corona-Zeiten schwierig, weil gerade mal ein Drittel der sonst üblichen Fahrgastzahlen erreicht wird. Noch schwieriger ist derzeit die Bewertung des Angebots "Hin & Wech".

Im Herbst erwarten wir außerdem den ersten Entwurf für ein umfassendes Mobilitätskonzept. Nachdem das Radfahrwege-Konzept schon vor der Beratung in den Stadtteilen an einer Mehrheit in der Ratsversammlung gescheitert war, haben wir einen entsprechenden Auftrag mehrheitlich erteilen können. Liegt der Konzept-Entwurf vor, so ist er mit allen Beteiligten zu diskutieren.

Tobias Bergmann, SPD

Ich stehe für eine Entideologisierung der Diskussion über Mobilität. Das Mobilitätsverhalten der Menschen ändert sich – und das Auto verliert seine dominierende Stellung in Städten. Diesem neuen Mobilitätsverhalten müssen wir in Stadtplanung und Investitionen in Infrastruktur Rechnung tragen. Auch ist die Mobilitätswende für mich ein unersetzlicher Baustein in der Klimastrategie der Stadt Neumünster.

Meine Vision von Mobilität in Neumünster ist die „15 Minuten Stadt“: Eine Stadt, in der alles, was der Mensch im täglichen Leben braucht, innerhalb von fünfzehn Minuten erreichbar ist. Das ist auch der Gedanke der „Leipziger Charta“, die für eine Stadt und eine Region der kurzen Wege einsteht. Hier hat Neumünster als Oberzentrum in ländlichen Raum eine besondere Verantwortung für das Umland.

Konkret heißt es aber auch, dass ich in die Fuß- und Radinfrastruktur unserer Stadt investieren möchte – besonders dort, wo schon viele Menschen sich für das Rad oder den Fußweg entscheiden. Fahrradstraßen, die Planung und der Bau von leistungsfähigen Radschnellwegen (Velorouten)entlang der Hauptverkehrsachsen und Abstellmöglichkeiten an Haltestellen des ÖPNV sind dabei nur einige Bausteine. Wir brauchen ein kluges Netzwerk aus Bike- und Carsharing, einem preisgünstigen und leistungsfähigen ÖPNV und den etablierten Ridepooling-Angeboten.

Dr. Olaf Tauras, CDU

Eine moderne Verkehrspolitik für Neumünster bedeutet für mich ein Mobilitätskonzept, das alle Verkehrsträger gleichermaßen fördert, also Autoverkehr, Radverkehr und Fußgängern in gleichem Maße Raum gibt und dabei ebenso unseren Ansprüchen an einen modernen Klimaschutz gerecht wird.

Als attraktive Stadt brauchen wir ein universelles Verkehrskonzept, das für alle Verkehrsträger Lösungen anbietet und sie nicht gegeneinander ausspielt. Im Einklang mit dem Radverkehrskonzept der Landesregierung soll der Radverkehr in seiner Bedeutung insgesamt attraktiver werden, indem das vorhandene Radwegenetz in unserer Stadt ausgebaut und noch bestehende Lücken geschlossen werden. Dort, wo es sinnvoll möglich ist, sollen auch Angebote geschaffen werden, auf denen der Radverkehr Vorrang hat. Ein autofreier Großflecken wird hingegen nicht zur Belebung der Innenstadt führen. Einen Ausschluss der Fahrzeuge in der Innenstadt lehne ich daher klar ab.

E-Mobilität und Wasserstoffbetriebene Mobilität sind wichtige Mobilitätsformen der Zukunft. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung, der SWN und privaten Akteuren werde ich die Voraussetzungen für eine umfassende Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge schaffen und Neumünster zudem zu einem der zentralen Wasserstoff-Standorte in Norddeutschland machen.

2. Viele Maßnahmen werden Jahre brauchen, bis sie umgesetzt sind. Wie wollen Sie kurzfristig Verbesserungen in der Mobilität erreichen?

Sven Radestock, B90 Die Grünen

Ich will zunächst dort ansetzen, wo es derzeit besonders hapert. Das sind vor allem Radwege in schlechtem und gefährlichen Zustand. Auch Fußwege sind zum Teil in einem nicht barrierefreien, mitunter auch gefährlichen Zustand.

Als zwei besonders drastische Beispiele aus der Innenstadt möchte ich den Kuhberg und die Christianstraße nennen. Am Kuhberg kommt es durch die unklare und in dieser Form einmalige Verkehrslenkung immer wieder zu Abstimmungsproblemen und Gefahrensituationen. Die Christianstraße müsste kurzfristig als Einbahnstraße mit Tempo 30 eingerichtet werden, um einen klaren, abgegrenzten Raum für Radfahrende zu schaffen, der nicht mit dem fahrenden und ruhenden Autoverkehr kollidiert.

Als weitere kurzfristige Maßnahmen müssen weitere Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge geschaffen werden. Darüber hinaus ist zu prüfen, ob der Busverkehr mit seinen Fahrzeiten und seiner Linienführung den Bedürfnissen entspricht - aber das geschieht ohnehin ständig. Für all diese Maßnahmen ist es notwendig, dass der Bereich Verkehr - und hier besonders die bisher vernachlässigten Bereiche - mit mehr Personal als bisher bearbeitet wird. Hier werde ich entsprechend organisatorisch in die Verwaltung eingreifen.

Tobias Bergmann, SPD

Mittel, die es im Haushalt für die Ertüchtigung von Fuß- und Radwegen jedes Jahr gibt, müssen auch ausgeschöpft werden – es braucht gute Wege mit guten Markierungen und Beschilderungen. Dort, wo es möglich ist und die Situation von Radfahrer*innen verbessert, möchte ich Fahrradstraßen ausweisen und vor öffentlichen und sozialen Einrichtungen wann immer es geht, verkehrs- und lärmberuhigen. Dabei soll ein Radverkehrsbeirat mich und die Ratsversammlung unterstützen.

Auch ist es ratsam, das Konzept der Ortsbuslinien weiter zu vertiefen, um Angebote des ÖPNV dezentral und außerhalb der Innenstadt besser zu vernetzen. 
 

Dr. Olaf Tauras, CDU

Schon jetzt werden auf der operativen Ebene eine Reihe von Maßnahmen zur Verbesserung der Mobilität geplant und durchgeführt. Vieles hängt aber auch unmittelbar mit der dazugehörigen Finanzierung zusammen, so dass gerade im baulichen Bereich nicht immer auf die Schnelle umfassende Lösungen möglich sind.

Immer mehr Augenmerk wird in diesem Zusammenhang auf die Förderung der Nahmobilität gelegt. Forschungsergebnisse belegen, dass insbesondere beim Queren der Fahrbahn eine erhöhte Unfallgefahr für FußgängerInnen besteht. Sofern es möglich ist, werden daher schon jetzt zur Minimierung von Barrieren Querungshilfen für den Fuß-und Radverkehr (Sprunginseln) an Hauptverkehrsstraßen eingerichtet oder auch die Anlage von Zebrastreifen geprüft. Erst kürzlich wurde eine neue Querungshilfe in der Straße Haart eingerichtet, und es konnte Ende letzten Jahres ein Fußgängerüberweg in der Brachenfelder Straße markiert werden.

Bei aktuellen Planungen wird laufend geprüft, inwieweit neben der Kfz-Erschließung auch gute Lösungen für den Fuß- und Radverkehr geschaffen werden können, so wurden beispielsweise bei der Entwicklung des Bebauungsplanes 83 (Stockgelände) öffentliche Flächen festgesetzt, die einen Kreuzungsausbau mit vorgelagerten Radfahrfurten und separaten Linksabbiegetaschen ermöglichen. In der Hauptstraße soll eine Verbesserung für die dortige Verkehrssituation umgesetzt werden, die mit relativ wenig finanziellen Mitteln möglich ist. Im Zuge der Überplanung der Wittorfer Spinne werden neben langfristigen Umbaulösungen auch kurzfristige Lösungen untersucht, die zum Ziel haben, hier die Situation für Fuß- und Radverkehr zu verbessern. In dem Gewerbegebiet Freesenburg und im Industriegebiet Süd wird zurzeit der ruhende Lkw-Verkehr einschließlich logistischer Vorgänge gutachterlich betrachtet. Auch hier wird das Ziel eine Verbesserung der derzeitigen verkehrlichen Situation sein. Bei der Lösungsfindung sind innovative Ansätze von Flächenbelegungen ausdrücklich erwünscht. Das Ergebnis der Studie ist abzuwarten.

Bei der Entwicklung von neuen Baugebieten wird verstärkt auf eine gute Wegevernetzung sowie einen guten ÖPNV-Anschluss geachtet. Radwege werden in Abhängigkeit zur Verfügbarkeit von Haushaltsmitteln sukzessive saniert und es sollen in den nächsten Jahren mit dem Einsatz von Fördermitteln im Stadtgebiet an vielen Stellen weitere Fahrradbügel aufgestellt werden. In Kürze wird eine neue Bike+Ride-Anlage mit 72 Stellplätzen am Südbahnhof eröffnet. Außerdem werden in diesem Jahr 13 Bushaltestellen barrierefrei ausgebaut.

Natürlich sind das alles kleinere Maßnahmen, die ihre Wirkung erst in einem Gesamtkontext entfalten können. Bekanntermaßen hat aber gerade der Prozess zum Masterplan Mobilität begonnen. Auch wenn dieses Planwerk nicht die Lösung für jede einzelne Objektplanung vor Ort bieten kann, ist eine Weichenstellung für die Mobilität Neumünsters zu erwarten. Der geplante Beteiligungs- und Entscheidungsprozess soll einen klar definierten Handlungsrahmen sowie ein möglichst breit getragenes Leitbild zur Folge haben.

3. Was für ein Modal Split streben Sie bis zum Ende der nächsten Amtszeit an?

Sven Radestock, B90 Die Grünen

Erstes Ziel muss es sein, den hohen Anteil des Autos am innerstädtischen Verkehr zu reduzieren. Ich will das Auto nicht verdammen, es ist in vielen Fällen auch sinnvoll. Aber ich will, dass andere Verkehrsmittel als Alternative erkannt werden, indem sie wahrnehmbarer und attraktiver sind.

Im Idealfall halbieren wir den Anteil des verbrennungs-motorisierten Verkehrs. Ein Teil wird umsteigen auf Elektroantrieb, ein noch größerer Teil auf Rad oder Bus.

Den Bus-Anteil würde ich gern mindestens verdoppeln, wobei es nicht mit den reinen Zahlen getan ist: Wichtig ist es auch, vor allem bisherige Autofahrende zum Umstieg zu bewegen. Der Anteil an Radfahrenden und Fußgänger*innen soll schließlich ebenfalls deutlich erhöht werden.

Tobias Bergmann, SPD

Es wird die Aufgabe der Ratsversammlung sein ein Ziel für den Modal Split vorzugeben. Bis dahin mache ich als Oberbürgermeister mit der Verwaltung erst einmal unsere Hausaufgaben machen: Das bedeutet, dass 2013 (!) beschlossene Ziel von 20% Radanteil schnellstmöglich zu erreichen.

Dr. Olaf Tauras, CDU

Auch hier ist grundsätzlich auf den Masterplan Mobilität zu verweisen. Im Zuge des zu entwickelnden Leitbildes ist ein perspektivisch anzustrebender Modal-Split in der Stadt Neumünster zu definieren. Grundsätzlich wird eine Verschiebung des Modal Split zu Gunsten des Umweltverbundes angestrebt, dessen Anteil bei der letzten Mobilitätsbefragung in 2018 im Binnenverkehr bei 51% lag.

Insbesondere der ÖPNV-Anteil verfügt über ein ausbaufähiges Potenzial. Hier können z. B. durch Taktverdichtungen, attraktive Angebote in den Schwachlastzeiten und eine verbesserte Verknüpfung von Bahn und Bus Anreize zum Umstieg vom eigenen Auto auf den ÖPNV geschaffen werden. Mit dem Fahrplanwechsel im vergangenen August wurden bereits erste Maßnahmen umgesetzt. Durch den coronabedingt starken Rückgang der Fahrgastzahlen kam das verbesserte Fahrtenangebot bislang nicht so zum Tragen, wie es zu wünschen gewesen wäre.

Trotzdem ist der Stadtbusverkehr ein wichtiges Rückgrat der städtischen Mobilität. Im Rahmen der Erstellung des nächsten Regionalen Nahverkehrsplans, der ab 2023 zum Tragen kommt, sollen weitere Verbesserungen im ÖPNV untersucht und der Politik zum Beschluss vorgelegt werden.

4. Wie wollen Sie das Zufußgehen in Neumünster attraktiver machen?

Sven Radestock, B90 Die Grünen

Niemand geht gern zwischen lautstarkem Straßenverkehr und eintönigen Häuserfronten entlang. Gefragt sind stattdessen Natur, Treffmöglichkeiten, Außengastronomie, Schaufenster und andere Bummel-Angebote in sauberem Umfeld. Attraktivere Wege fördern die Bereitschaft, auch längere Strecken per pedes zurückzulegen. Die Wege müssen zudem sicherer werden. Sicherer bedeutet: klare Abgrenzung vom übrigen Verkehr (Negativbeispiel Kuhberg), aber auch Barrierefreiheit.

Tobias Bergmann, SPD

Natürlich muss der Großflecken barrierefrei werden – die notwendigen Arbeiten dürfen wir nicht mehr auf die lange Bank schieben.

Und die Menschen möchten sich beim Zufußgehen wohl und sicher fühlen. Neben der Stadtplanung und Verkehrskonzept gehört dazu ein neues Beleuchtungskonzept für die dunklen Ecken unserer Stadt. Dazu braucht es eine integrierte Stadtplanung, die wohnen, arbeiten, Grün und Bewegung in einem denkt.

Dr. Olaf Tauras, CDU

Der Masterplan Mobilität, der zurzeit erarbeitet wird, beinhaltet u.a. ein Fußverkehrskonzept für die Stadt Neumünster. Da das Zufußgehen in der Regel vernachlässigt wird, aber gleichzeitig erkannt wurde, welch großen Einfluss eine gute und sichere und möglichst barrierefreie Infrastruktur für den Fußverkehr auf die Lebens- und Aufenthaltsqualität einer Stadt hat, wollen wir uns in Neumünster diesem Thema in den nächsten Jahren in besonderen Maße widmen.

Neben der Ausarbeitung von konkreten Handlungsempfehlungen sollen für künftige Umbauten und Neuplanungen Qualitätsstandards festgelegt werden. Im Rahmen von Stadtteilspaziergängen sollen die Menschen vor Ort noch in diesem Jahr in die Planungen einbezogen werden, weitere Formate wie die verstärkte und gezielte Beteiligung von besonders betroffenen Nutzergruppen (z.B. Kinder, Senioren, Menschen mit Mobilitätseinschränkungen) sind zusätzlich denkbar.

5. Jeden Tag pendeln viele Menschen mit dem Auto nach Neumünster. Wie soll Ihrer Meinung nach diese Zahl reduziert werden? Was schlagen Sie als Sofortmaßnahme vor?

Sven Radestock, B90 Die Grünen

Hier gilt es, den überörtlichen ÖPNV zu verbessern. Als Sofortmaßnahme auf dem Weg dorthin helfen sicherlich umfassende Befragungen unter den Pendlerinnen und Pendlern.

Für kürzere Distanzen aus dem Umland ist es hilfreich, die Radwege zu verbessern (der Weg aus Richtung Bordesholm z.B. ist in einem gutem Zustand und wird entsprechend gut genutzt, der Weg nach Boostedt wird die nächste Baustelle in diesem Sinne sein).

Zudem muss das Gespräch mit Arbeitgebenden gesucht werden, inwiefern Arbeitszeiten an die Fahrpläne von Bus und Bahn angepasst werden können. Auch Umkleide- und Duschmöglichkeiten für Radfahrende sollten vorhanden sein.

Als weitere Möglichkeit müssen wir die Kombination verschiedener Verkehrsmittel ermöglichen. Hierzu gehören beispielsweise weitere Radstationen auch an den Bahnhöfen Einfeld, Stadtwald und am Südbahnhof - und auch ein unkompliziertes Leihangebot wie z.B. die Sprottenflotte in Kiel.

Tobias Bergmann, SPD

Als Sofortmaßnahmen schlage ich vor: bessere Abstimmung der Taktung von Busverkehr und Bahnverkehr und so schnell wie möglich ein flächendeckendes Bikesharing-Angebot und Langfristig braucht das neue Neumünster einen neuen Bahnhof.

Dr. Olaf Tauras, CDU

In Neumünster sind in den letzten Jahren viele tausende sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden. Die Schaffung von Wohnraum ist nicht im gleichen Maße erfolgt, so dass aus meiner Sicht im Wesentlichen auf attraktiven Wohnraum in Neumünster gesetzt werden sollte. Damit würde für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht nur das Pendeln entfallen, sondern wir hätten auch viele Neubürgerinnen und Neubürger. Dort wo Menschen weiterhin pendeln müssen, weil z. B. die familiäre Situation einem Umzug im Wege steht, sollten vermehrt Car-Sharing-Modelle genutzt werden und ein attraktives Angebot an Zug- und Busverbindungen -gerne in Verbindung mit Radnutzung- gemacht werden.

6. Andere Städte zeigen, dass man mit Parkraumbewirtschaftung den Parkdruck aus den Quartieren nehmen kann. Der Parksuchverkehr nimmt ab, die Lebensqualität steigt. Studien zeigen zudem, dass Radfahrer*innen und Fußgänger*innen sogar mehr einkaufen. Was sind Ihre Pläne zur Parkraumbewirtschaftung in Neumünster?

Sven Radestock, B90 Die Grünen

Die Frage, wo wir welche Parkplätze in welcher Zahl bereitstellen, ist eine der sensibelsten, wenn es um Verkehrs- und Stadtplanung geht. Insofern ist dies eine wichtige, wenn auch nicht die vorrangige Frage. Wir müssen zunächst einmal feststellen: Neumünster hat genügend gut erreichbare Parkplätze, auch in der Innenstadt. Für diese Parkplätze müssen die Autofahrer*innen sehr wenig bezahlen - so günstig (z.B. 25 Cent für die halbe Stunde auf dem Kleinflecken) ist das in anderen Städten selten möglich. Gleichzeitig müssen wir aber auch festhalten, dass dies trotzdem nicht die Käufer*innenmassen, wie von einigen gewünscht, anlockt.

Die Situation in der Innenstadt ist allerdings auch eine andere als in den darum liegenden Stadtteilen. Da ich den Menschen in Neumünster nicht verbieten kann und will, ein Auto zu besitzen, müssen wir hier etwas genauer hinsehen, die Situationen in den einzelnen Stadtteilen betrachten und vor Ort erläutern.

Ich weiß auch, dass Parkgebühren gut verwendet werden können, um einen Teil der Verkehrswende zu bezahlen. Doch auch hierfür brauchen wir zunächst das Gespräch und ein möglichst breites Verständnis.

Tobias Bergmann, SPD

Parkraum nimmt viel Raum – insbesondere in Neumünster mangelt es weder in der Innenstadt noch in den Quartieren an Parkplätzen, der Bedarf wird sinken. Deshalb werden wir den Parkraum der sinkenden Nachfrage anpassen.

Dr. Olaf Tauras, CDU

Die zentrenrelevanten Parkmöglichkeiten in der Innenstadt werden bereits nahezu flächendeckend bewirtschaftet, überwiegend auch gebührenpflichtig. Die Parkgebühren im öffentlichen Straßenraum sind aber mit 0,5 Euro pro Stunde im Vergleich mit anderen Städten in Schleswig-Holstein verhältnismäßig niedrig. Hier besteht die Option mit einer angemessenen Anpassung der Parkgebühren einen Anreiz zu bieten, statt mit dem Auto den Umweltverbund für den Weg in die Innenstadt zu nutzen.

Um eine Verlagerung des ruhenden Verkehrs in die benachbarten Wohnquartiere zu vermeiden, sind dort die Voraussetzungen für die Einführung von Bewohnerparken zu prüfen. In einzelnen Straßen bestehen bereits entsprechende Regelungen. Zum Schutz der Quartiere und der dortigen Wohnbevölkerung sollte das Bewohnerparken mehr in die Fläche gehen. Für die ersten Teilbereiche werden zeitnah die erforderlichen Untersuchungen begonnen.

7. Welche Leuchtturmprojekte können Sie sich jeweils für den Radverkehr und den ÖPNV vorstellen?

Sven Radestock, B90 Die Grünen

Für den Radverkehr wäre dies ein umfangreiches, attraktives Radwegenetz, das auch Schnellwege enthält.

Für den ÖPNV wäre es ein nutzer*innenfreundlicher ZOB, der übersichtlich und sauber ist und an dem wir unkompliziert auf andere Linien oder andere Verkehrsmittel umsteigen können.

Tobias Bergmann, SPD

Insbesondere die Planung von Velorouten (Radschnellwegen) entlang der Hauptverkehrskorridore Einfeld-Innenstadt-Wittorf, Gadeland-Ruthenberg-Innenstadt und Gartenstadt-Innenstadt liegen mir am Herzen. Für den ÖPNV habe ich mir den emissionsfreien Busverkehr vorgenommen. Welche Technologie dabei für Neumünster die richtige ist, möchte ich gemeinsam mit der Ratsversammlung und Expert*innen diskutieren.

 

Dr. Olaf Tauras, CDU

Um den Radverkehr in Neumünster voranzubringen, bedarf es zunächst der Fortführung und Intensivierung grundlegender Maßnahmen wie Instandhaltung und Sanierung des bestehenden Radnetzes, Ausbau des Angebots an Radabstellanlagen und Schließens von Lückenschlüssen.

Eine sehr wichtige Funktion in der Weiterentwicklung der Radverkehrsförderung spielt das Radverkehrskonzept. Der vorliegende Entwurf fand im vergangenen Jahr keine Mehrheit in der Ratsversammlung, so dass jetzt das Augenmerk darauf liegt, dieses im Rahmen der Erarbeitung des Masterplans Mobilität weiterzuentwickeln, um dann ein mehrheitsfähiges Radverkehrskonzept der Ratsversammlung vorlegen zu können.

Eine Maßnahme aus dem Entwurf ließe sich zum Leuchtturmprojekt entwickeln: Die Route 1, die eine neue Verbindung vom Einfelder See durch den Stadtteil Einfeld über die Messeachse zum Hauptbahnhof und der Innenstadt herstellen würde. Dreh- und Angelpunkt der Route ist die Querung der Bahnanlagen in Höhe der Holstenhallen, wofür der Neubau einer längeren Radverkehrsbrücke erforderlich wird. Ein zweites Leuchtturmprojekt wird der Bau einer Radstation am Hauptbahnhof sein. Diese ist Bestandteil der aktuell laufenden Planungen zum Bahnhofsumfeld.

Ein Leuchtturmprojekt beim ÖPNV wurde bereits zum letzten Fahrplanwechsel von der SWN Verkehr umgesetzt. Mit „Hin&Wech“ verfügt Neumünster über ein Mobility-on-demandAngebot, was man sonst nur in Großstädten vorfinden kann. Dieses erweitert den ÖPNV in den Tagesrandzeiten (22.30 bis 1.00/2.00 Uhr), in denen ein herkömmlicher Busbetrieb auf Grund der geringen Fahrgastnachfrage schwerlich aufrecht zu erhalten ist.

8. In Neumünster werden Menschen mit dem Rad oder zu Fuß relativ häufig in schwere Verkehrsunfälle mit Autos verwickelt. Welche Gegenmaßnahmen möchten Sie hier sofort umsetzen?

Sven Radestock, B90 Die Grünen

Oberstes Gebot im Straßenverkehr ist gegenseitige Rücksichtnahme. Hierfür müssen alle Beteiligten sich zunächst einmal gegenseitig rechtzeitig wahrnehmen können. Außerdem müssen die schwächsten Verkehrsteilnehmer*innen besonders geschützt werden.

Die geschieht im Idealfall dadurch, dass wir die Räume voneinander trennen.

Eine pauschale Antwort für ganz Neumünster kann ich Ihnen leider nicht geben, dafür sind die Voraussetzungen in den verschiedenen Straßen zu unterschiedlich. Wir brauchen hier Einzelfall-Entscheidungen und -Maßnahmen, zu denen etwa die bereits erwähnte Umgestaltung von Christianstraße und Kuhberg gehören.

Als weitreichendes Ziel strebe ich ein generelles Tempo 30 innerhalb des Rings (außer in der Rendsburger Straße) an. Auch Geschwindigkeitsmessungen an unterschiedlichen Orten halte ich für sinnvoll.

Tobias Bergmann, SPD

Wir müssen Unfallhäufungspunkte besser in den Blick nehmen und entschärfen. Das kann durch Maßnahmen einer geänderten Verkehrsführung, Ampelschaltungen oder gar technische Einrichtungen geschehen. 

 

Dr. Olaf Tauras, CDU

Die Verkehrssituation wird ständig zusammen mit der Polizei kontrolliert. Sofern Unfälle passiert sind, müssen diese kritisch geprüft und gegebenenfalls müssen Maßnahmen ergriffen werden. Aber auch bereits im Vorwege ist es wichtig, auf Gefahrenpunkte hinzuweisen. Insofern ist es gut, dass es zum Beispiel die „Brennpunkttouren“ des ADFC gibt. Oftmals ist es möglich, mit geringem Aufwand, z. B. Schwenks auf Radwegführungen, viele Gefahren zu beseitigen und es ist gut an der Stelle auf die Ratschläge der Experten zu hören. Besonders am Herzen liegt mir beim Thema Radverkehr die frühzeitige Förderung von Kindern. Je früher sie die einzuhaltenden Regeln im Straßenverkehr lernen und für sich Verhaltensregeln mitnehmen, desto sicherer sind sie später unterwegs.

9. Der Busverkehr bietet keine gezielten Angebote für Berufspendlerinnen. Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach sinnvoll und umsetzbar?

Sven Radestock, B90 Die Grünen

Ich bin froh, dass es zumindest einige Ansätze für solche Angebote gibt. So werden ja Zeitkarten verkauft, die dann wiederum durch Jobtickets für eine zunehmende Zahl von Pendler*innen attraktiver werden können. Hier sehe ich einen wichtigen Ansatz, Jobtickets werde ich weiter fördern und bewerben.

Auch gibt es bereits Abstimmungen der Busfahrpläne mit großen Arbeitgebern, beispielsweise im Industriegebiet Süd. Auch hier möchte ich weitermachen. Genauso wie mit der bereits erwähnten Abstimmung von Arbeitszeiten auf die ÖPNV-Fahrpläne.

Tobias Bergmann, SPD

Mit einem Jobticket geht die Stadt Neumünster für ihre Mitarbeiter*innen mit gutem Beispiel voran, ich möchte viele Betriebe, in unserer Stadt dazu motivieren mitzumachen und Förderungen zu nutzen. Auch Mitarbeiter*innen von kleinen Unternehmen und Selbstständige sollen von einen Jobticket profitieren. Das alles setzt aber ein Angebot voraus, das für die Menschen bequem ist.

Dr. Olaf Tauras, CDU

Der ÖPNV in Neumünster wird auch immer wieder auf die Bedarfe von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer angepasst. Ein gutes Beispiel dafür ist die Buslinie 77 zum Designer Outlet Center. Es muss uns aber gelingen, die Ankunftszeiten von Zügen bzw. Überlandbussen noch besser mit den Abfahrtszeiten der regionalen Busse abzustimmen.

10. Folgende Faustregel für die Finanzierung gilt als sinnvoll: 2/3 für den ÖPNV und 1/3 für den Straßenbau auszugeben. Ebenfalls bewährt ist die Finanzierung des ÖPNV über die Parkgebühren. Würden Sie sich, abgesehen vom Umbau des Großfleckens, auch in Neumünster dafür einsetzen?

Sven Radestock, B90 Die Grünen

Der Autoverkehr hat bislang in Neumünster deutliche Priorität. Wie aus meinen bisherigen Antworten ersichtlich wird, will ich das ändern. Ich will die Schwerpunkte anders setzen durch ein attraktiveres Angebot an Auto-Alternativen. Dazu gehört neben einer passenden Taktung und einem guten Streckennetz auch ein deutlich niedrigerer Preis. Die erste Herausforderung wird die Frage sein, wie wir den trotz des Nah-SHVerbundes durchgesetzt bekommen. Die Finanzierung ist dann erst der folgende Schritt.

Tobias Bergmann, SPD

Ob diese Faustregel für Neumünster angebracht ist, bezweifle ich. Das würde bedeuten, dass Mehreinnahmen aus der Parkraumbewirtschaftung angestrebt werden müssten, um den ÖPNV querzufinanzieren. Ich stehe aber dafür, dass der ÖPNV in Neumünster die Mittel bekommt, die für ein verbessertes Angebot notwendig sind. 

Dr. Olaf Tauras, CDU

Ich halte nicht viel von pauschalen Investitionsgrundsätzen. Wir müssen den Mitteleinsätzen an den tatsächlichen Bedarfen festmachen und wie die genau aussehen, wird uns der Masterplan Mobilität aufzeigen.

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