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Bringt die Verkehrswende in Lübeck voran: Michael Stödter

Was tun Städte in Schleswig-Holstein, um den Verkehr klimafreundlicher zu machen? Lübeck hat seit dem 1. Juli 2020 einen Verkehrswendebeauftragten, den Wirtschaftsgeographen und Verkehrsplaner Michael Stödter. Im Auftrag der Stadt soll er umweltfreundliche Mobilität - zu Fuß, mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln - nach vorn bringen. Im Interview berichtet er über Erfahrungen und Erfolge.

  

Lübeck: Verkehrswende organisieren und koordinieren

  • Herr Stödter, seit dem 1. Juli 2020, also bald ein Jahr, sind Sie Verkehrswendebeauftragter in Lübeck. Warum wurde diese Stelle eingerichtet?

2019 hat der Rat der Stadt Lübeck, genannt Bürgerschaft, beschlossen, zur Organisation und Koordination der Verkehrswende eine Stelle einzurichten. Die Stelle ist unbefristet und in Vollzeit. Angesiedelt ist sie in der Abteilung Stadtentwicklung im Bereich Stadtplanung und Bauordnung. Hier sind u.a. die strategische, konzeptionelle Verkehrsplanung sowie die ÖPNV-Aufgabenträgerschaft der Hansestadt Lübeck angesiedelt, hier wird die Verkehrswende geplant und vorangetrieben.

  • Was genau ist Ihr Auftrag und Ihr Aufgabengebiet?

In der Hansestadt Lübeck sollen die Verkehrsanteile des Umweltverbund gesteigert werden. Dafür sollen Rad- und Fußwege und das ÖPNV-Angebot verbessert werden. Mein Auftrag ist es, gemeinsam mit den Bürger:innen, der Politik, Vereinen, Verbänden und Institutionen herauszufinden, wie sich die Verkehrswende in Lübeck gestalten lässt, Konzepte zu entwickeln und Impulse zu geben.

  • Was sind denn – ganz kurz – Ihre Ziele für die Verkehrswende Lübeck?

- Die Lübecker:innen sollen verstärkt dazu motiviert werden, ihr Mobilitätsverhalten zugunsten des Umweltverbund zu ändern: zu Fuß gehen, Fahrrad fahren, Bus und Bahn fahren.
- Unterstützt werden soll das durch Angebotsverbesserungen beim Fuß- und Radverkehr im ÖPNV.
- Verkehrswende bedeutet auch Mobilität für alle: Kinder und Mobilitätseingeschränkte sollen sich sicher bewegen und teilhaben können.

Handlungsbedarf vor allem bei Radverkehr und öffentlichem Verkehr

  • Wenn Fuß-, Rad- und öffentlicher Verkehr gestärkt werden sollen: Wo sehen Sie da in Lübeck am meisten Handlungsbedarf? Welche Pläne und Ziele haben Sie für die nächsten drei Jahre?

In Lübeck besteht Nachholbedarf vor allem im Bereich Radverkehr und ÖPNV. Zwar beträgt der Radverkehrsanteil im Verkehr (Modal Split) 20 Prozent. Es fehlt jedoch ein Radschnellweg, das Kopfsteinpflaster ist vielfach noch holprig statt geschnitten, es gibt Netzlücken und Mängel an der Infrastruktur. Da ist also viel Luft nach oben – und entsprechendes Potenzial. Denn Lübeck ist aufgrund der Größe und zurückgelegten Distanzen eine absolut ideale Fahrradstadt.

Viel Potenzial gibt es auch beim ÖPNV: In den vergangenen Jahren wurde vor allem darauf geachtet, das Defizit im städtischen Busverkehr zu senken. Auch hier streben wir eine Abkehr vom „Weiter so“ an und wollen angebotsorientierte, neue Fahrplankonzepte schaffen. Über eine gezielte Angebotsausweitungsstrategie wollen wir die Fahrgäste, die wir in in den letzten Jahren verloren haben, wieder zurückholen und neue gewinnen.

Im Bereich des Schienenverkehrs ist die Realisierung einer Regio-S-Bahn Lübeck unser langfristiges Ziel. Mit einem dichten Netz von Stationen und einem Halbstundentakt auf den wichtigsten auf Lübeck zulaufenden Linien wollen wir die Menschen dazu bewegen, die Schiene statt das Auto zu nutzen. Die Regio-S-Bahn könnte ein wichtiger Baustein zur Verkehrswende in der Region Lübeck sein - mit erheblicher Bedeutung nicht nur für Pendler:innen und Urlauber:innen, sondern auch als wichtiger Standortfaktor für die Stadtentwicklung Lübecks.

Ein neuer Verkehrsentwicklungsplan (VEP) soll in den nächsten drei Jahren Grundlage für diese Planungen werden. Es ist mir wichtig, dabei möglichst viele Menschen mitzunehmen. Ein Verkehrsentwicklungsplan, dessen Ziele und Strategien von einem Großteil der Menschen mitgetragen wird, dürfte für uns Planer:innen am Ende Gold wert sein.

Vertraute Mobilitätsgewohnheiten als Hürden

  • Da gibt es sicherlich auch Hürden, denn vielen Leuten fällt es schwer, gewohnte Bahnen zu verlassen.

Das stimmt und weil teilweise solche Denkmuster der Verkehrswende im Weg stehen, kann es eine Herausforderung sein, sich auf ein gemeinsames Ziel zu einigen. Meine Aufgabe ist es, durch positive Prozesse und Beispiele solche Denkmuster zu überwinden.
Letztlich ist aber auch jede einzelne Person aufgefordert, ihre Mobilitätsgewohnheiten zu durchdenken. Verkehrswende ist eine Herausforderung für uns alle. Es kann daher sehr zeitintensiv sein, dafür notwendige Prozesse anzustoßen.

Verkehrsberuhigung Beckergrube: Auch der Einzelhandel zufrieden

  • Eine erste Maßnahme war ja die Verkehrsberuhigung in der Beckergrube. Wie steht der Einzelhandel dazu, dass nach der Verkehrsberuhigung dort jetzt 60 Prozent weniger Autos, 20 Prozent mehr Radler:innen und 24 Prozent mehr zu Fuß Gehende unterwegs sind?

Durch die Verkehrsberuhigung der Beckergrube konnten wir die Aufenthaltsqualität verbessern und die Verkehrssicherheit steigen. Wir konnten den Durchgangsverkehr durch die Altstadt reduzieren, Emissionen senken und Straßenraum gewinnen für höherwertige Nutzung, z.B. Gastronomie. Das gefällt natürlich auch dem Einzelhandel.

Zuvor gab es Bedenken, dass die Innenstadtbesucher:innen ausblieben, wenn sie nicht mehr durchfahren können. Das hat sich aus unserer Sicht nicht bestätigt. Im Gegenteil: Der ehemalige Transitraum vom Parkplatz an der Musik- und Kongresshalle zu den Fußgängerzonen Breite Straße und Pfaffenstraße und zu den Sehenswürdigkeiten entwickelt sich zunehmend zu einem Aufenthaltsraum. Das kommt natürlich auch dem Einzelhandel dort zugute.

Übrigens: Laut Befragung einiger Gastronom:innen und Gewerbetreibenden durch das ArchitekturForum Lübeck wünscht man sich eine ähnliche Verkehrsberuhigung in der Großen Burgstraße, da die Kundschaft überwiegend aus Touristen besteht, die zu Fuß unterwegs sind.

Ausgaben, die sich lohnen

  • Für eine stärkere Taktung und bessere Radwege fallen Kosten an. Klamme Städte können sich das schwer leisten. Wie wollen Sie das in Lübeck hinkriegen?

Oft muss es gar nicht die ganz große, kostenintensive Lösung sein. Beim Radverkehr lassen sich Potenziale erschließen durch die Ausweisung von Fahrradstraßen. Und im Bereich des Busverkehrs entfaltet oft auch eine Ampelvorrangschaltung für Busse große Wirkung. Auch im bestehenden Fahrplan sind Optimierungen möglich, z. B. durch den Abbau sogenannter Doppelverkehre. So nennt man es, wenn zwei Linien auf der gleichen Strecke innerhalb weniger Minuten hintereinander her fahren, anstatt sich zu einem Takt zu ergänzen.

Und ich möchte zurückfragen: Können wir uns denn angesichts der Klimakrise einen unzureichenden ÖPNV und ein mängelbehaftetes Radwegenetz noch leisten? Übrigens: Ein guter ÖPNV und ein gutes Radwegenetz sind zudem eine wichtige Stütze für den Einzelhandel. Auch der profitiert nach Überwindung der Coronakrise von einer guten Anbindung.

Die Lübecker Beckergrube vor und nach der Verkehrsberuhigung

  • Die Beckergrube wird zum Aufenthaltsort: Präsentation. PDF-Datei - mehr
  • Vorher: Die Becker Beckergrube als Durchfahrtsort.
    Autofahrt durch Beckergrube und Innenstadt per Video bei YouTube – mehr
  • Hansestadt Lübeck: Projekt Beckergrube.
    Die Lübecker Innenstadt städtebaulich und verkehrlich gestalten – mehr

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