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Nord, Verkehrspolitik, Bahn & Bus, Hamburg

Verlegung Bahnhof Altona - Leserbrief an die Fairkehr

Der untenstehende Leserbrief von Herrn Dr. Weigand an die Fairkehr wird hier mit den jeweils auf die Thesen erfolgten Antworten (in kursiv) von unserem Vorstandsmitglied R. Schneider veröffentlicht. Das Einverständis von Dr. Weigand hierfür liegt vor.

Sehr geehrter Herr Dr. Weigand,
für die Zusendung Ihres Leserbriefes an die Bundesgeschäftsstelle des VCD darf ich mich herzlich bedanken. Er wurde der fairkehr-Redaktion als Leserbrief und mir zur Beantwortung weitergeleitet. Zu Ihrer Orientierung: Ich bin Vorstand des VCD LV Nord und dort für die Klage verantwortlich.

Sie werfen zahlreiche Punkte auf, und ich setze Ihr Einverständns voraus, Punkt für Punkt darauf zu antworten (kursiv).

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin seit langem Bezieher von Fairkehr und seit einigen Jahren Mitglied im VCD.
Mit großer Verwunderung habe ich in der Presse gelesen, dass Sie gegen den Neubau von Hamburg-Altona prozessieren - dies offensichtlich sozusagen auch mit meinem Geld.

VCD Nord: Wir prozessieren nicht gegen den Neubau von Hamburg-Altona, sondern gegen die Stilllegung und Aufgabe des Fernbahnhofs Altona. Wir sehen die Verlegung an den Standort Diebsteich nicht als gleichwertigen Ersatz an, sondern erwarten unter dem Strich Nachteile für die Reisenden des Regional- und Fernverkehrs und für das System Schiene eine geringere Leistungsfähigkeit mit erhöhter Störanfälligkeit. Diese Bedenken wurden fachlich von Seiten der planfeststellenden Behörde - dem EBA - nicht ausgeräumt. Entsprechende Unterlagen, aus denen die Sinnhaftigkeit des Projektes im Sinne des AEG hervorgeht (Sicherheit, Leistungsfähigkeit, Belange der Fahrgäste) wurden weder uns noch dem Oberverwaltungsgericht vorgelegt. Die Frist zur Einreichung entsprechender Unterlagen lief vor zwei Wochen ab.

VCD Nord: Der VCD Nord finanziert aus Mitgliedsbeiträgen zwei Büroräume in Hamburg und Kiel und teilt diese mit anderen Organisationen, sowie zwei Teilzeitkräfte auf Basis geringfügiger Beschäftigung. Die Mittel für die Klage werden zu 100% von privaten Spendern aufgebracht, es werden nachweislich keine Mitgliedsbeiträge eingesetzt. Die durch das EBA zu verursachenden Prozesskosten gehen zu Lasten des Steuerzahlers. Dieser Umstand ist sehr betrüblich.

In Zeiten des Straßenausbauwahnsinns, der Dieselskandale, der steuerlich geförderten Billigfliegerei ein starkes Stück für einen sich ökologisch nennenden Verkehrsclub.

VCD Nord: Ihren Ärger über Straßenbauwahnsinn, Dieselskandal und Billigfliegerei teilen wir uneingeschränkt. Wir setzen uns für autofreie Innenstädte, eine zumindest Halbierung von PKW-Bestand und -Verkehr sowie Kostenwahrheit im Verkehr ein. Wir halten es nicht für die glaubwürdige Strategie, Autos und Lkws zum Teil aus Innenstädten heraushalten zu wollen, und die Bahn gleich ganz an die Peripherie zu verdrängen. Wir halten es für falsch, wenn sich die Bahn als ökologisches Vorzeigesystem aus urbanen Räumen zurückzieht, wie es bei Aufgabe des Fernbahnhofs Altona der Fall wäre, sie muss vielmehr den Menschen als bessere Alternative präsent sein.

Bei Straßenneubau wie etwa die A 26 Hafenquerspange wie auch die Verlängerung der A 20 nach Westen sind wir sehr engagiert. Im Rahmen der Bundesverkehrswegeplanung halten wir eine Verschiebung der Mittel hin zur Schiene für zwingend geboten und treten in Gesprächen mit den Abgeordneten ein.

VCD Nord: Die Herstellung fairer Wettbewerbsbedingungen zwischen Flugzeug und Bahn ist ein weiteres Anliegen unsererseits. Wir halten Flüge innerhalb 2.000 km für absolut überflüssig, können allerdings nicht immer guten Gewissens auf die Alternative Schiene verweisen. Wenn jetzt - wie bei der Stilllegung Altonas vorgesehen - auch der Nachtzugverkehr mit Autotransport nach Wien, Lörrach, Innsbruck, Verona, etc. entfällt, weil die Deutsche Bahn sich aus dem Segment zurückgezogen hat und für Wettbewerber auf der Schiene keine Ersatzmaßnahmen für die Autoverladung verbindlich zugesichert wird, fällt uns diese Argumentation pro Schiene noch schwerer. Für die Autoverladung selbst setzen wir uns nicht aktiv ein, wir bevorzugen das Reisen mit der Bahn ohne PKW. Das steht einem "sich ökologisch nennenden Verkehrsclub" meiner Ansicht nach gut zu Gesicht.

Der Fernbahnhof Altona ist überholt, die Züge nach SH mit Ausnahme RE nach Westerland fahren dran vorbei, die von Süden ankommenden Fernzüge haben nach Halt Dammtor nur wenige Reisende an Bord, da die Anschlüsse in Hbf und Dammtor erreicht werden.

VCD Nord: Der Fernbahnhof wird von der Deutschen Bahn nicht gepflegt und vermittelt einen traurigen Eindruck, da muss ich Ihnen beipflichten. Wenn Sie den derzeitigen heruntergekommenen Zustand des Fernbahnhofs Altona mit dem der derzeitigen Station Diebsteich vergleichen, fällt der Vergleich für den geplanten Bahnhof hingegen wenig schmeichelhaft aus. Bezogen auf die geplante Station Diebsteich hat der frühere Oberbaudirektor mit dem Begriff „Hundehütte“ übrigens eine eher nüchterne Einschätzung abgegeben.

Betrieblich überholt ist er keineswegs, denn er wickelt den Großteil des auf Hamburg zulaufenden Fernverkehrs und mit einer RE- und einer RB-Linie auch gewissen Teil des Regionalverkehrs ab. Er ist Start- und Endpunkt von je einer im Stundentakt verkehrenden RE- und einer RB- Linie, die das Angebot der ebenfalls im Stundentakt verkehrenden auf den HBF-zulaufenden drei RE- und einer RB-Linien ergänzen. Dass der Hamburger Hauptbahnhof mit seinem überragenden Fahrgastaufkommen andere Stationen in den Schatten stellt, macht diese nicht überflüssig sondern verstärkt die Notwendigkeit, Kapazitäten für das weitere Überlaufen des Hauptbahnhofs bereitzustellen. Der Fernbahnhof Diebsteich weist geringere Kapazitäten auf, wird die Verkehre im Störfall bereits heute und bei Berücksichtigung der zu erwartenden und politisch geforderten Steigerung (Koalitionsvertrag: Verdoppelung der Fahrgastzahl) nicht aufnehmen können. Eskommt hinzu, dass die Gleisverbindung zwischen Hauptbahnhof und Diebsteich mit 210 Metern einen für eine Hauptstrecke unzulässigen Gleisbogenradius aufweist.

Betrieblich aufwendig und teuer, da Züge in die Instandhaltungsanlagen hier "Kopf machen" müssen.

VCD Nord: Es ist nicht zu bestreiten, dass die Anfahrt zum Fernbahnhof Altona einen betrieblichen Aufwand verursachen. Dieser ist im Zeitalter von Triebzügen und Wendezuganlagen deutlich niedriger als zur Hochzeit der „21-er Projekte“. Aufgrund der geringeren Leistungsfähigkeit des Fernbahnhofs Diebsteich wird es aber zu neuen Stauungen im Bereich der Zulaufstrecken etwa im Bereich der Verbindungsbahn und bei dem Einrücken der Züge in die Abstellanlagen Langenfelde und Eidelstedt kommen, da hier – im Gegensatz zu heute – Gleise schienengleich gekreuzt werden müssen. Um das aber abschließend beurteilen zu können, ist die Herausgabe oder die Durchführung einer Betriebssimulation erforderlich.

VCD Nord: Das Argument des Betriebsaufwands trifft auf jeden Kopfbahnhof zu, so auch auf Frankfurt, Leipzig, München, Paris Nord. Es macht aber sehr wenig Sinn, Züge dort zu verkürzen, wo die Belegung am höchsten ist. Der Bemessungsquerschnitt der RE-Linie Westerland – Altona liegt im letzten Abschnitt. Es macht doch auch keinen Sinn, eine RE-Linie von Frankfurt (Main) nach Mannheim im nördlichen Bereich nur bis Langen zu führen, um Rangieraufwand in Frankfurt zu vermeiden.

Sie halten das Projekt um 2 Jahre auf mit entsprechend sinnloser finanzieller Belastung für den Steuerzahler.

VCD Nord: Bei der Verzögerung um 2 Jahre handelt es sich um eine Schätzung der Deutschen Bahn. Sie wurde vom Gericht nicht bestätigt. Angesichts der deutlichen fachlichen Kritik des Gerichts an der Fachplanung und der Fülle der zu leistenden grundlegenden Überplanung bis hin zum kompletten Relaunch des Projektes, scheinen zwei Jahre nicht unrealistisch. Vorstellbar ist aber auch eine deutlich kürzere Verfahrensdauer für den Fall, dass das das Gericht wenig Chancen sieht, den „durchgreifenden Mangel des Planfeststellungsbeschlusses“ zu beseitigen.

VCD Nord: Sinnlose finanzielle Belastungen für den Steuerzahler sind immer ärgerlich. Es gibt im weiteren Verfahren zwei Möglichkeiten:
1. Es wird wie von uns seit Jahren und vom Gericht seit Kurzem von Seiten des EBA der fachliche Beweis erbracht, dass das Projekt eine Verbesserung für Fahrgäste und das System Bahn mit sich bringt. In diesem Fall trifft die Schuld an Zeitverlust und Zusatzkosten das EBA, weil das Vorhaben nicht sorgfältig im Sinne des OVG geplant und planfestgestellt worden ist.
2. Der Beweis, dass eine Schließung besser ist wird nicht erbracht, und ein optimierter Planfall am bestehenden Standort erweist sich für Fahrgäste und Bahn als vorteilhaft. Dann spart der Steuerzahler viel Geld und der Fahrgast profitiert. 


Das Projekt ist nicht mit S21 zu vergleichen da oberirdisch, auf Bahngelände und baulich und betrieblich überschaubar und bringt bessere Umsteigemöglichkeiten im überlasteten Hamburg.

VCD Nord: Ein Vergleich von Altona mit Stuttgart 21 wurde von uns nicht gezogen und wäre, wie auch zu anderen „21er-Projekten“ unpassend. Ein Unterschied zu S21 besteht übrigens darin, dass Fahrgäste in Stuttgart „lediglich“ am gleichen Standort auf eine andere Ebene gelangen müssen, während sie in Altona eine Distanz von rund 2 km überwinden müssen.

VCD Nord: Regional- und Fernverkehr: Die Umsteigemöglichkeiten am Fernbahnhof Diebsteich werden sich in der Summe gegenüber heute verschlechtern. Es kommt zu Verbesserungen für Reisende in Form kürzerer Reisezeit auf Relationen in Richtung nördlicher Citytunnel und Sternschanze. Bezogen auf die Verknüpfung Schiene – Bus geht jedoch der komplette Busbahnhof Altona mit zahlreichen Schnell-, Metro-, Stadt- und Eilbuslinien verloren. Das Straßennetz auf beiden Seiten des Fernbahnhofs Diebsteich dient dem Anwohner- und kleinräumigen Lieferverkehr und kann leistungsfähige Buslinien nicht aufnehmen. Gleiches gilt übrigens für die Abwicklung von Schienenersatz- und Busnotverkehren. Bezogen auf die Schiene wird der Fernbahnhof Diebsteich durch zwei, der Fernbahnhof Altona durch drei, in der Hauptverkehrszeit durch fünf S-Bahn-Linien bedient. Es wird durch den Fernbahnhof Diebsteich kein Umsteigevorgang überflüssig, es werden aber einige zusätzliche erforderlich. Fahrgäste aus Schleswig-Holstein können am Bahnhof Dammtor in alle Fernzüge einsteigen, und zwar immer am gleichen Bahnsteig. Ein Zusatznutzen durch den Fernbahnhof Diebsteich ergibt sich dabei nicht.

Sie sollten besser gegen Dieselgestank, Straßenprojekte und ungerechte Besteuerung des CO2 produzierenden Flugverkehrs prozessieren.

VCD Nord: Hierzu verweise ich auf die Antworten zu „Straßenbauwahnsinn, etc.“ 

Was mich besonders verwundert hat: In Fairkehr habe ich nichts zum Thema bzw. zur Begründung der Prozessiererei gefunden.
 

VCD Nord: Der Bundesverband und die Pressestelle sind über das Projekt informiert. Die fairkehr arbeitet eigenständig und entscheidet selbst, welche Themen für ihre Leserschaft interessant sind. Unsere Arbeit ist auf der Homepage des VCD Nord dokumentiert. Neuigkeiten gibt es alle drei Monate mit unserem Newsletter. Die lokalen und überregionalen Medien berichten umfassend und zum Großteil objektiv über das Projekt. Wenn Sie interessiert sind, verweise ich gern auf einen Beitrag in „Die Zeit“ von Ende August.

Sehr geehrter Herr Dr. Weigand,

ich bedanke mich herzlich für Ihre Geduld. Wenn es mir gelungen sein sollte, Sie von der Ernsthaftigkeit unseres Anliegens überzeugt zu haben, wäre schon viel gewonnen. 

Mit freundlichen Grüßen
Rainer Schneider VCD Nord - Vorstand -

 

 

 

 

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