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ÖPNV-Aktivismus: "Wir haben noch einiges vor!"

Ohne Auto zum Strand kommen können: Was Irmela Wiemann einfordert, ist im Grunde eine Selbstverständlichkeit. Sie und ihre Mitstreiter*innen würden aber schon "wie Revolutionäre" angesehen, wie die 81-jährige Husumerin mit einem Schmunzeln berichtet. Doch eins nach dem andern:

Ob zum Baden oder für einmal ordentlich durchpusten lassen bei einem Spaziergang: Die Frage, wie man zum Strand kommt ist im Land zwischen den Meeren nicht nur für Einheimische, sondern auch für die vielen Tourist*innen zu jeder Jahreszeit immens wichtig. Das gilt besonders für Orte in Küstennähe. Während es in den großen Städten wie Lübeck oder Kiel in der Regel keine große Schwierigkeit ist, das Auto dabei stehen lassen zu können und Kiel Ende 2025 endlich auch wieder eine direkte Bahnanbindung an den Schönberger Strand erhalten soll, sieht es in kleineren Orten mitunter mau aus. Dazu gehört auch Husum.

Denn die innenstadtnahe Badestelle an der Nordsee, die sehr beliebte Dockkoogspitze, liegt über 3km von der "grauen Stadt am Meer" entfernt. Ein autogerechter Strand mit großem Parkplatz, der 186 kostenlose Stellplätze bietet. Wer kein Auto hat und nicht (mehr) sicher mit dem Rad bei steifem Gegenwind oder zwischen Autokolonnen unterwegs ist, hat es schwer.

Eine sogenannte Mitfahrbank, quasi eine offizielle markierte Trampstelle, sollte hier Abhilfe schaffen. Sie wurde aber nur von wenigen Menschen wie Irmela Wiemann genutzt. Und auch das mit eher durchwachsenem Erfolg, wie man bereits im Herbst '23 in den Husumer Nachrichten lesen konnte: "Da brauche es ein dickes Fell und man müsse Frust aushalten können".

Als sogar dieses Angebot aufgrund einer Verlegung der Straße auf der Kippe stand, wurde Irmela Wiemann aktiv. Das langjährige VCD-Mitglied startete mitten im Winter eine Unterschriftensammlung für eine feste Busanbindung des Dockkoogs. „Die Mitfahrbank ersetzt keinen ÖPNV, sie kann höchstens eine Ergänzung dazu sein.“ Und auch nachdem als erster Erfolg eine neue Mitfahrbank an einem neuen, ungünstigeren Standort gesichert war, ging das Sammeln für eine Busanbindung weiter - und wie!

Lediglich bewaffnet mit gelben Schildern und der Aufschrift "Initiative: Bus Dockkoog" warben Irmela Wiemann und weitere Engagierte in der Husumer Innenstadt für Unterstützung. Offensichtlich traf die Forderung nach einem ÖPNV-Angebot zum Strand einen Nerv. Denn innerhalb von zwei Monaten gaben 5704 Menschen ihre Unterschrift. Teilweise boten auch Geschäfte und gastronomische Betriebe ihre Hilfe an und legten die Unterschriftenlisten aus. Ihr Mann und Mitstreiter Otto Salmen rechnet genau vor, von wem die Unterschriften kamen: Während ein großer Teil direkt aus Husum (2429) und der näheren Umgebung (1433) stammten, waren es auch knapp tausend Unterschriften aus dem restlichen Bundesgebiet oder dem Ausland. Manch eine bundesweite Online-Petition, die sich um die ganz großen Fragen kümmert und gemütlich vom Sofa ausgefüllt werden kann, würde sich über ein Bruchteil dieser Resonanz freuen!

Am 28. März kam es zu einer Übergabe der Unterschriften an den Husumer Bürgermeister im Stadtverordnetenkollegium durch Irmela Wiemann, Otto Salmen und Hilde Zeugner, einer weiteren Mitstreiterin. Zugeständnisse wie selten fahrende "Velotaxis" (5€ / Fahrt) oder Taxi-Shuttles (20€ bis zu 8 Personen) die derweil vom Seniorenbeirat angeregt wurden, werden von der "ÖPNV-Aktivistin" (Husumer Nachrichten) und ihren Mitstreitern als nach wie vor nicht ausreichend und zu teuer angesehen. Mittlerweile reagierte die Husumer Lokalpolitik auch mit der testweisen Einrichtung eines Ruf-Busses für 2024 von Juli bis September nur an Wochenenden, der allerdings zunächst teure 5 Euro pro Fahrt kosten sollte.

Aber auch das ist bereits wieder vom Tisch: Auf der letzten Sitzung des Finanzausschusses wurden die üblichen 1,50 für die Bus-Fahrten beschlossen. Ein weiterer Erfolg des Drucks von unten, aber noch immer nicht das Ende der Fahnenstange für die Dockkoog-Initative: "Wir haben noch einiges vor!" erklärt Irmela Wiemann resolut. Soll heißen: Es geht nach wie vor darum, eine reguläre Busanbindung zu erreichen - und zwar zu jeder Jahreszeit. Auch viele Autofahrer*innen würden ihr Auto gern stehen lassen, wenn es einen ÖPNV gäbe. Von den Touristen, die per Bahn anreisen ganz zu schweigen.

Man wolle zwar die Evaluierung des jetzigen Rufbus-Betriebes bis Ende September abwarten. Aber dann bleibe offen, ob nicht wieder Unterschriften gesammelt werden. Eventuell auch für einen Bürgerentscheid? - "Für Autofahrer wird groß investiert, aber für Radfahrer und Fußgänger nicht", so Irmela Wiemann.

Zu den Plänen der Initiative gehört eine öffentliche Podiumsdiskussion im Herbst. Wohl auch mit Beteiligung des VCD Nord. Dann könnte man auch darüber reden, ob Parkplätze am Strand kostenlos sein müssen, während erweiterte Fahrpläne am Kostenargument scheitern.

Vermutlich sind Irmela Wiemann und ihre Mitstreiter*innen in Husum tatsächlich so etwas wie Revolutionäre, indem sie nach Jahrzehnten autogerechter Planung und autozentrierter Politik einfach mal das Gegenteil fordern. Und sei es nur ein Bus zum Strand.

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